Heimweg

Er ist der Letzte an der Bar
„Noch einen?“
„…“
Der Wirt schüttet den letzten Rest einer Flasche Whiskey in das nun nicht mehr leere Glas.
„Danach ist aber genug für heute: ich mach‘ Feierabend“
Die Musik endet.
Voll torkelt der Gast hinaus. Der Wirt tritt selbst auf die Straße und schließt ab.
Vogelgezwitscher. Dämmerung.
Ruhe.
Nur die Schritte zweier auf grauen Gehwegplatten. Erschöpft und benebelt.
„Sag mal, wiessoo machst‘ das eigentlich?“
Das „s“ im wieso klang dabei wie ein ß und jeder Laut sowieso so schwankend wie die Größe und Position seiner Schritte.
„Also so Leuten wie mir den ganzen Abend wieder und wieder diesen Fusel einzuschenken? Noch einen hier. Noch einen da. Einen doppelten. Noch keinen. Rechnung bitte. Jeden Abend das Selbe!“
Schweigen.
„Das ist doch nichts.“
Schweigen. Gehwegplatten. Schritte.
Noch drei Straßen, denkt sich der Wirt, dann ist er Zuhause. Bis dahin einfach ausschweigen. Auf die täglich selben Fragen kann er sich die selben Antworten auch sparen.
„Ey, jetz sach doch ma!“
„Schaffst du den Weg nach Hause oder soll ich dir n‘ Taxi rufen?“
„Jaja schon, ich bin ja wenigstens noch fit im Kopf“
„Ansichtssache“
Noch zwei Straßen.
Weiter torkeln. Weiter gehen.
Noch eine Straße.
„Ich hab drüber nachgedacht“ sagt der Gast, „Ich hab den Spaß und du die Arbeit. Außerdem bissst du von mir genervt. Ich aber nich von dir. Ich bin betrunken und … ich sachs dir! Morgen werd ichs wieder sein. Du guckst dann morgen wieder den ganzen Abend in meine hässliche Visage… Ich sachs dir! Ich hab gewonnen.“
Ein triumphales Lächeln im zerfurchten Gesicht.
„Kumpel, ich muss jetzt hier links rein. Komm gut nach Hause“
„Jajaja“ sagte der Gast und ging weiter mehr oder weniger Geradeaus. Die Straße runter. Verschwand im morgen.
Ruhe.
Graue Gehwegplatten. Schritte. Stufen.
Der Wirt schließt seine Haustür auf. Es ist nicht alles tief, was von Herzen kommt. Auch wenn so gemeint.
Sein kleines Kind ist schon wach und kommt auf ihn zugestürmt. Früher war es anders. Doch dass ohne Nebel die Sonne besser durchkommt, ist auch eine Sicht der Dinge, die ihre Zeit gebraucht hat. Lächelnd breitet er die Arme aus.


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