Nachtzug

Bahnhof Sofia. Kurz vor 9. Nur 3 Wagen. Der türkische Schaffner mit dem Schnäuzer weist mir einen Platz zu. Es ist nicht der, der auf der Reservierung steht. Aber es hat wohl seine Richtigkeit, so versichert er mir Das ist also ein Liegewagen. Ein auf dem ersten Blick ganz normales Zugabteil Der Unterschied ist nur dass die Sitze ein wenig merkwürdig aussehen und sich auf dem Zweiten Blick als ausklappbare Betten darstellen. Am Fenster der Halbmond und ein Stern. Dieser Zug ist türkisch. Der Schaffner hält mir einen Zettel hin. Ich soll Namen, Nationalität und Passnummer aufschreiben. Dann bekomme ich ein Kissen und Bettwäsche. Außerdem eine kleine Flasche Wasser, eine Packung Cracker und einen Tetrapack Kirschsaft. Er fragt nochmals nach meiner Sitzplatzreservierung und nimmt mir den Zettel weg.

Abfahrt. Pünktlich um 21:00 Uhr. Der Zug fährt langsam. Ein stetiges Rumpeln, Doch als er sein Tempo beschleunigt, fährt er doch unerwartet ruhig. Ruhiger jedenfalls als die ganz alten Züge die ich aus meiner Kindheit kenne und dessen Relikte ich nur noch selten betrete, mit ihrem sich Stets veränderndem Repertoire an Lärm und dem Gefühl dass damit einhergeht so richtig unterwegs zu sein.

Ein erster Halt an dem niemand zusteigt. Manchmal blitzt draußen die Oberleitung. Aber vor allem Leuchten die Lichter der Orte und Straßen. Die Cracker und der Saft schmecken ganz gut. Einfach, aber gut. Ich bin allein in meinem Viererabteil und frage mich ob und wie lang das so bleiben wird. Der Mann der mir den Platz zugewiesen hat und die Geschenke verteilt hat, war scheinbar doch nicht der Schaffner. Dies denke ich als eine Schaffneruniform die Tür öffnet , „Ticket!“ ruft und weitergeht um selbiges an nächster Tür zu wiederholen. Daraufhin tritt eine blonde Frau auf Stöckelschuhen, ebenfalls in Schaffneruniform ein, nimmt meinen Fahrschein entgegen, setzt sich auf die gegenüberliegende Seite und schreibt eine Notiz auf die Rückseite meines Fahrscheins. Zugnummer, Datum und vermutlich ihre Unterschrift.

Ruhe, eine Weile. Ich schreibe. Wenn ich aus dem Fenster blicke sehe ich im Dunkeln den vorbeiziehenden Abend Bulgariens. Bis die Abteiltür wieder aufgeht irgendwann aufgeht und eine junge Frau hereingewiesen wird. Müde sieht sie aus. Auch Rucksackreisend. Der Rucksack ist riesig. Sie macht sich ihr Bett fragt mich auf Englisch ob sie das Licht ausmachen kann, was ich bejahe und legt sich schlafen. Ich klappe den Rechner zu und tue es ihr gleich. Draußen zieht weiterhin die Landschaft vorbei. Wenn ich mich mit dem Kopf auf die Seite lege, kann ich sie sehen, die Felder, die Lichter, den Horizont, den Mond, wie er in das Abteil hereinstrahlt. Auch sehe ich Bahnhöfe. Immer wieder grell erleuchtete und nahezu menschenleere Bahnhöfe. Ein paar einsame Gestalten die zusteigen. Das ist alles. Ich bin irgendwo froh nicht alleine zu sein. Auch wenn wir kaum gesprochen haben. Grenzkontrollen machen mir immer wieder Sorgen und diese ein wenig mehr. Der deutsche Pass bringt einem überall hin, auf Reisen lernt man dieses Privileg zu schätzen. Hier jedoch bin ich mir das erste mal nicht mehr so gewiss, auch wenn ich dennoch weiß, anders als andere nichts zu befürchten zu haben. Ich schlafe, wenn überhaupt, kaum.

Bis es endlich an der Tür klopft. „Passport Control“. Die Grenzkontrolle zur Ausreise aus Bulgarien. Eine Polizistin mitteren Alters öffnet die Tür und nimmt unsere Pässe, bzw. den Pass meiner Abteilgenossin und meinen Personalausweis entgegen und nimmt sie mit. Warten. Ich sage meiner Abteilgenossin, dass ich diese Kontrollen hasse und daraufhin beginnt dann tatsächlich eine Unterhaltung. Sie kommt aus Spanien, Valencia, reist seit etwa 2 Monaten. Von Deutschland über Osteuropa den Balkan hinunter. Alleine. Mit Freunden. Hitchhiking. Couchsurfing. Hatte zu Anfang ihren Pass nicht dabei. Ein Freund hat ihn ihr hinterhergebracht. Sie hasst Grenzkontrollen ebenso und findet sie überflüssig. Sie hat davon gehört, dass man an der türkischen Grenze aus dem Zug aussteigen muss. Ich finde das unangenehm, denn das Bett ist bequem und draußen ist es kalt.

Die Pässe kehren zurück und der Zug setzt sich langsam wieder in Bewegung. Nach kurzer Zeit wieder der Mann mit dem Schlafzeug. „Turkish border control. Exit train“ Sie hatte also recht. Der Zug steigt aus und wird in einen leeren, etwa 40 qm großen Raum geschickt. Er passt dort ohne Probleme rein. Die drei Waggons und die Lok bleiben zurück. Sie waren scheinbar nicht gerade bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Hund reist mit und fasziniert so einige, auch sie und das fasziniert wiederum den Hund selbst, der sich prompt zu ihr legt, wie sie da verschlafen an der Wand hockt. Bis sie der Crackermann anweist aufzustehen. Nicht die Höflichkeit, die dem Ort der Einreise in einen Ehrenwerten Staat mit vergilbten Fließen gebührt. Nach kurzer Zeit bildet sich eine Schlange zu dem vergitterten Fenster zum Nebenraum. Hinter dem Fenster sitzt ein junger Grenzbeamter und stempelt. Danach gehen die verschlafen wirkenden Passagiere wieder zurück in ihre Betten. Der Zug bleibt noch. Wir reden. Ich sehe aus dem Fenster und sehe wie sie mit Taschenlampen unter dem Zug aus der Entgegengesetzten Fahrtrichtung leuchten, der sich ebenfalls gerade in der Kontrolle befindet. Als Dann klopft es nochmals an der Tür. Doch ungewöhnlich ist: Kein Rufen und die Tür wird nicht aufgerissen. Sie macht nach zögerndem realisieren ob es wirklich geklopft hat auf. Ein weiterer Grenzbeamter. Er fragt wieder nach den Pässen, kontrolliert wohl kurz ob auch tatsächlich alle ihre frischen Stempel haben. Er lässt das Licht aus. Da dem so ist geht er weiter und schließt gar die Tür. Verdutzt ist sie. Mit beeindrucktem Gesicht sagt sie, dass sei der freundlichste Grenzbeamte, den sie je erlebt hat. Höflich, abwartend und Rücksichtsvoll. Ein paar letzte Worte wechseln noch die Position im Raum und der Zug wiegt uns in den Schlaf.

Ich erwache vor Sonnenaufgang. Langsam erhellt sich der Horizont. Färbt sich die Landschaft und wird immer klarer. Felder und Hügel. Der Himmel ist wunderschön und die Sonne strahlt direkt auf mich ins Abteil. Irgendwann dann die ersten Vorortsiedlungen einer viel zu großen Stadt, als dass sie noch greifbar sein könnte. Ich will nicht dass die Reise schon endet. Ich will wieder schlafen. Doch es klopft dann doch wie befürchtet an der Tür. Halkali ist nicht mehr weit. Die Endstation, da der Zug seit ein Paar Jahren, nicht mehr nach Istanbul Sirkeci, ins Zentrum der Stadt fährt. Ich weiß nicht wieso. Es heißt aufstehen. Sie ist noch verschlafener als Ich. Ich nun immerhin wieder etwas aufgeregt. Bettzeug entfernen ist die Ansage. Wir geben es zurück verschlafen betrachte ich die beginnende Monotonie, des Betons dieser Stadt. Die Siedlungen sind neu und für die besser gestellten. Sie sind riesig doch erscheinen sie Leblos. Es ist früh am morgen und alles in das gelbliche Morgenlicht getaucht. Wasser ist zusehen. Die Siedlungen ziehen vorüber und wir sind immer noch nicht da. Sie war noch nie in einer so großen Stadt sagt sie. Ich auch nicht sage ich. Irgendwann hält der Zug dann doch. Der Bahnhof nicht mehr als ein einfacher unüberdachter Bahnsteig mit zwei Gleisen. Wir folgen den anderen, links – rechts – links und dann steht dort ein Bus, in dem der Gesamte Zug, inklusive des Mannes mit Schnurbart der Türkischen Eisenbahn Platz findet. Dann im morgendlichen Verkehr bewegt sich der verschlafene Bus in die Stadt, der Endpunkt vor dem Alten Bahnhofsgebäude. Ein Erster Blick aufs Goldene Horn. Wir suchen ein Café. Kaffee und Tee. Wir werden uns wieder sehen um uns die Stadt anzuschauen. Kurz darauf werden wir uns dann nicht mehr wiedersehen. Wahrscheinlich nie wieder.