Osterholz

Mitte zwanzig. Dann doch mal wieder auf den Profilen der Menschen hängengeblieben, die damals allmorgendlich meist ähnlich verschlafen wie ich den Weg in das selbe Schulgebäude angetreten haben. Nur wenig ist hängengeblieben. Noch weniger geblieben. Namen über Verknüpfungen, die schon längst in Vergessenheit geraten sind. Der Kopf erinnert sich und findet nicht viel. Das Gesicht. Ein Gefühl. Vielleicht eine Eigenschaft. Ich klicke mich durch die Profile und bin gespannt auf das was sie mir Zeigen können. Was geben sie Preis. Was habe ich verpasst. Wo ist das Popcorn? Wo ist gerade ihr Weg, natürlich nur so wie sie ihn der bekannten Welt zeigen wollen.

Doch so ernüchternd. Kein großes Kino. Nicht einmal GZSZ. Eher wie ein Soziologieaufsatz von Pierre Bourdieu. Einer der kurz und nur spannend ist für Leute, die wirklich meinen da hätte etwas Bedeutung, gar Wichtigkeit und Priorität. Nichtnur für die, die das nur sagen würden um in der Uni cool zu klingen.

Da ist diese Gelassenheit in ihrem Leben. Einer zwar in Belo Horizonte. Jemand anderes in Frankfurt am Main. Aber die meisten dann doch sehr bemüht darin so langweilig zu sein, wie das warten auf den Bus. Bemüht den Kreislauf so fortzusetzen wie er einst war. Ein kleines Leben am Rande Bremens, eine Verlobung. Eine Hochzeit. Ein bis zwei Kinder. Glücklich lächelnde Gesichter junger Paare noch vor der großen Frustration der Romantik – Die Besuche in den Swingerclubs, die den nachfolgenden Lebensabschnitt mit Sinn füllen werden stehen noch aus – Ein Nest wollen sie bauen und ihre Ruhe haben. Sie beschweren sich über den Lärm der Nachbarn, die Feiertags Nägel in die Schränke hauen. Sie sind alt, nur ohne Inkontinenz und Rückenprobleme. Sie feierten ihre Abschlüsse. Sie zeigen Familienfotos. Die Türkei spricht und lebt in der Norddeutschen Tiefebene weiter. Das ist schon ok so, aber auch seltsam. Alle sind wir hier Geboren und doch leben wir in verschiedenen Welten und ich kann sie nicht einmal verstehen. Sie beglückwünschen einander zu Geburtstagen, an die sie eigentlich nur die Benachrichtigungen des Portals erinnern. Einige kennen sich scheinbar noch so richtig und haben sogar etwas miteinander zu tun. Gemeinsame Fotos aus den letzten Jahren. Die eine, die jedes Jahr ihren Traumprinzen findet, findet immer noch jedes Jahr einen Traumprinzen. Schön diese Verlässlichkeit. Und dann sind da noch die Eltern, sie sind so Stolz. Sie wollen den Kontakt nicht verlieren. Sie beglückwünschen die Schönheit ihrer Kinder und merken nicht dass sie das vielleicht ihren Kindern besser direkt sagen sollten, als es in Kommentare zu tippen. Diese Menschen, die mir jetzt so fremd sind. Sind so weit vorn. Und ich kann sie nur noch sehen aufgrund einer Erfindung die vornehmlich der Kriegsführung und der Pornographie dien.Diese Menschen halten die Welt zusammen, denn sind zufrieden mit dem was sie erreichen können. Ganz realistisch. Klug und voller Ruhe.

Ich bin nicht wie sie. Ich suche nach Wegen die den meinem ähneln doch finde sie nicht. Keine gemeinsamen Interessen. Keine Linksexstremisten. Keine angehenden Künstleridioten, die glauben sie seien etwas besseres. Ich bin kindlicher und vielleicht zugleich etwas weiser. Frustrierter und naiver. rebellischer und etwas asozial. Wie gesagt, etwas Besseres. Ich kümmere mich einen scheiß um sie und sie haben sich auch nicht gekümmert. Doch ist dort bei ihnen so viel mehr Fürsorge für die nächsten zu finden. Ich hingegen kappe nur weiter meine Wurzeln während sie sie sorgsam pflegen. Ich frage mich wie lange ich mit ihnen an einem Tisch sitzen könnte ohne in Streit auszubrechen. Oder schlimmer noch sich nichts zu sagen zu haben? Ich trinke einen Schluck und wünsche ihnen in stummen Gedanken nur gutes und bin selber dabei ein wenig Stolz auf sie und gleichzeitig ungemein erleichtert, dass ich das nicht auch so machen würde. Das ist schon Ok so. Ob sich bei Tinder auch Mitschülerinnen finden lassen?