Sternschanze

Am Eingang zur S-Bahnstation bleibe ich stehen. Freitagabend und die Leute suchen den Trubel. Sie sind hungrig nach dem Erleben, auf Geschichten, die sie weitererzählen können, auf eine neue Liebe oder eine gute Zeit mit den besten Freunden. Die Leute sind willig zu geben. Kurz vor zwölf. Schneller Techno läuft aus einer Box. Dazu lodert Feuer durch die Nacht. Ein Feuerakrobatenpaar hat sich auf dem Platz vor dem Zugang zur S-Bahnstation positioniert. Sie schwingen Feuerstäbe. Die sehen so ähnlich aus wie die Wattestäbchen, die man sich in die Ohren steckt, nur sind sie viel viel größer. Zuerst nehme ich nur den Typ war. Energisch und stoisch schleudert er diese brennenden Riesenwattestäbchen in beeindruckend hoher Geschwindigkeit hin und und her, lässt in Kreisen, vor der Brust, hinterm Rücken, über dem Kopf. Manchmal wirft er den Stab auch hoch in den Himmel und fängt in wieder auf. Der Anblick der Flammen fasziniert, die Flackernde Wärme des Lichts und die Illusion, die in ihrer Rotation entstehen. So wird aus dem Stab ein geschlossener Kreis. Die Leute halten Abstand und scheinen mir doch nicht der Gefahr bewusst: was wenn er die Kontrolle verliert und den Stab in die bierselige Menge wirft? Als das Feuer zur Neige geht tritt die Feuerakrobatin auf den Plan. Ihre Bewegungen sind vorsichtiger und bei weitem von geringerer Geschwindigkeit, aber dennoch von großer Selbstsicherheit und in geschmeidigen Bewegungen. In Pumphose und weitem Top. Ich bin natürlich sofort verliebt. Sie schneidet mit dem Feuer eine Ruhe in den so hektischen und lärmenden Raum. Es riecht nach Benzin, den jetzt hat auch der andere seinen Stab wieder in Brennmittel getränkt und die Flammen zeigen zu beginn wieder ihre vollste Stärke. Und er legt los mit den Kreisen. Wieder die hohe Geschwindigkeit mit dem das Feuer durch die Luft fliegt. Es ist schön. Sie wechseln sich ab, sodass die Show nie endet.

Einer der definitiv mehr als genug hat, torkelt durch den Raum. Tanzt kurz zur Musik. Doch mit jedem Schritt fragt sich erneut, ob dieser in eine der verschiedenen Himmelsrichtungen führt oder nur geradewegs auf den Boden. Gleichzeitig wirbelt das Feuer und ich hoffe der Zufall entschließt sich nicht dazu, dass er sich ein paar Schritte zu weit in die wirbelnden Flammen bewegt.

Er ist zu entschlossen und zu unkonzentriert und will zu viel. Dadurch verliert er mehrmals die Kontrolle über den Stab. Einmal kokelt kurz seine Hose, doch er löscht das Flämmchen ganz schnell mit den Händen und tut so als wäre nichts gewesen. Einfach weitermachen. Doch die nebenstehenden Typen johlen und Schreien in gelösten Kehlen Dinge wie „Haha, fallen gelassen!.“ Er hat kein Lächeln für sie übrig und macht unverändert weiter. Schwingt die Flammen, doch lässt sie wieder und wieder fallen. Ich sehe einen Anflug von Zorn in seinen Bewegungen. Während Sie, die gerade mal wieder ihren Stab in neues Brennmitteleingetunkt hat, mit altbekannter und gekonnter Sicherheit, das ausführt was sie zu zeigen vermag.

Ich löse meinen Blick und gehe die paar Meter weiter zur Station um festzustellen, dass ich eh noch 9 Minuten habe bis mein Zug mich in den Vorort bringt. Und so drehe ich mich um, lehne mich an die Wand und schaue weiter in die Flammen. Bis ich von hinten ein kleines rumoren höre.

Ich drehe den Kopf. Ein Mitarbeiter des „DB Service-Store“ schüttet einen Pappbecher Wasser über den Betrunkenen. Der Betrunkene ruft wütend in einer Sprache die wohl nur er selbst versteht. Und der Kiosktyp versucht ihn zu beruhigen. Ich bin zunächst skeptisch, dann verwirrt, schaue aber wohl so als wenn ich fände, „ey alter leute mit Wasser überschütten geht gar nicht.“ Ich merke das an dem Blick vom Kiosktyp. Er will mir ohne Worte signalisieren, hier ist alles Cool, ich tu das nur zu seinem Besten. Solang der Typ nass ist kann er weiter durch die Gegend torkeln und notfalls auch ins Feuer rennen. Er fängt dann wenigstens nicht noch an zu brennen. Ich verstehe das und finde es ok. Der Disput zwischen den beiden verlagert sich direkt neben mich. Der Kiosktyp lächelt mich verlegen an. Der Betrunkene registriert dass, dreht sich zu der Richtung die sein Kontrahent anschaut. Begrüßt mich und umarmt mich. Dann kommt meine Bahn.