Archiv für November 2014

Küche


Nach Stunden um Stunden
Losreißen vom Bildschirm
Licht aus
Sitzen
Nichts tun?
Blicken
Ein Leuchten

Wohnzimmerkonzert in Mainz

Ein paar Bilder von Konzert im Münsterzimmer mit Perfect Youth, festgehalten von Nicolas
(draufklicken zum vergrößern)

Zeil

Es ist Samstag, ein ganz normaler Samstag. Frankfurt am Main, 1. November 2014. Ein Blick aus dem Fenster der kleinen Bahnhofsviertelwohnung zeigt das grau. Tatsächlich, schon November. Mein Mitbewohner hat von einer Kleiderspendenaktion für flüchtige Jesiden im Nordirak mitbekommen. Omid Nouripour ist da beteiligt, zusammen mit wem von der Linkspartei und der örtlichen jesidischen Gemeinde. Kann man machen. Warme Kleidung brauchen die. Mist, dabei ist mein Schrank doch im Wesentlichen mit überflüssigen T-Shirts und Sommerhosen gefüllt. Dennoch ein paar Dinge zusammengesucht und dann gehen wir los. Die Wolken hängen tief. Die Spitzen der Bankentürme verschwinden im grau, es scheint als könnten sie endlos in den Himmel ragen. Tun sie aber nicht. Sie stehen schließlich nur dort um den Schein zu wahren, um vorzutäuschen, es gäbe für sie eine Berechtigung. Hinter den Schluchten aus Stahl, Glas und Beton beginnt dann die glitzernde Welt des Konsums. Der wichtigsten Funktion, für die die Menschen ihre Innenstädte hergegeben haben. Haben sie gut gemacht, die Leute in den Türmen.

Es ist voll. Samstage müssen schließlich genutzt und genossen werden und „Shoppen“ ist ja ein Hobby. Auf dem Platz bei der Hauptwache hat sich die Piratenpartei eingefunden. Sie haben eine große schicke schwarze Bühne aufgebaut und halten scheinbar gerade eine Abschlusskundgebung, es geht um Daten und so. Außer den Piraten, erkennbar an den vielen orangenen Fahnen und dem sonstig üblichen Dresscode (so Nerd halt) interessiert das aber nicht viele. Wenn man sich nämlich den Schrank mit möglichst vielen schicken Primarkklamotten zu einem möglichst geringen Preis vollhängen will, muss man schließlich Prioritäten setzen. Und da stören diese Leute mit ihrer Anprangerung von diesem Spionagekram einfach.

Wer gut ist im Abschirmen, kriegt das einfach gar nicht mit. Es ist ein Teil der täglichen Routine auf der Zeil, der Haupteinkaufsstraße Frankfurts, die hier ihren Anfang nimmt. Menschen fahren regelmäßig dorthin um ihr Geld gegen Produkte von H&M, Saturn, Douglas, Hollister, dem bereits genannten Primark und vereinzelt noch beim daneben gelegenem Karstadt auszugeben. Dazu noch ein Stück Pizza Hut, Oder was von Dunkin‘ Donuts und das Glück im Kapitalismus ist perfekt.

Doch da ist immer etwas, was diese Utopie trübt, ein Stachel, der in ihr sitzt und diesen sonst so sterilen und funktionalen Ort, der von der einheitlichen Planung großer Konzerne geprägt ist, ein wenig Leben einhaucht. Es sind die Leute, die um Aufmerksamkeit buhlen. Die, die versuchen die vorbeiströmenden Menschenmassen aus ihrem Laufrad zu befreien und sie auf ihre eigenen Anliegen aufmerksam zu machen. Mögen diese auch noch so unterschiedlich sein. Die Piratenpartei ist bei dem, was auf den nächsten Metern folgt, dabei noch quasi Establishment.

Da sind die Bettler, die egal bei welchem Wetter ihre amputierten Gliedmaßen zur Schau stellen. Ein fehlender Fuß als Kapital. Wenige Meter danach steht eine Gruppe Palästinenser. Sie haben einen kleinen Pavillon aufgebaut und verteilen Infomaterial darüber, das Israel scheiße sei. Ich will gar nicht wissen ob die jetzt pro Hamas, Fatah oder was auch immer sind, muss ich aber auch nicht: Denn 5 Meter weiter buhlen schon ein paar linke Ökoaktivisten um ihr Anliegen. Die Rettung des Hambacher Forsts vor dem rücksichtslosen Braunkohleabbau, Klimakatastrophe und so. Sagt mir ein Transparent. Aber auch ihnen hört kaum einer zu, sie haben ja auch nicht einmal ein Mikro. Bei dem ganzen Trubel muss die Rednerin laut schreien, um vielleicht doch irgendwie verstanden oder wenigstens wahrgenommen zu werden, jedenfalls lese ich diese Hoffnung aus ihrer Haltung. Ohne anzuhalten gehen wir weiter. Vorbei an einem älteren Straßenmusiker mit Didgeridoo. Da hält auch keiner mehr an. Da wissen die Passanten schon, dass da nicht so viel passiert.

Kurz danach biegen wir ab, raus aus dem Getümmel auf eine Hauptverkehrsstraße. Hier irgendwo muss es doch sein. Ah, da die Hausnummer acht. Ein Anlieferungstor im Haus der Stadtwerke. Viele gefüllte Plastiktüten, die Helfer haben scheinbar beim Sortieren alle Hände voll zu tun. Mein Mitbewohner drückt einem von ihnen unsere Tüte in die Hand und das wars. Nun liegt’s in ihrer Hand ob damit später tatsächlich wer was mit anfangen kann, ob irgendein Junge im Irak später mein altes Sweatshirt trägt. Oder auch nicht.

Es geht zurück. Die Wege von meinen Mitbewohner und mir trennen sich, er geht noch woanders hin. Ich nehme den Rückweg wieder über die Zeil, mal gucken ob sich was verändert hat. Beim Didgeridoospieler tut sich immer noch nicht viel. Die vom Hambacher Forst haben schon wieder zusammengepackt und reden nur miteinander. Dafür hat sich hundert Meter weiter etwas neues aufgetan. Dreißig bis vierzig Polizisten stehen da bestens ausgerüstet (ich nenn‘ die ja unter Freunden immer Robocops) rum und haben nichts zu tun. Die Frage, die sich mir dann immer wenn ich sowas sehe stellt, ist die nach dem warum. Und nach dem ich meine Blicke ein bisschen zwischen dem Gewirr kreisen ließ bekam ich auch eine. Da stand eine kleine Gruppe Menschen, die gegen Islamismus demonstrierten, indem sie Schilder mit dem den entsprechenden Aussagen in die Höhe streckten. Ethnisch recht durchmischt. Vermutlich keine AfD/NPD Vollpfosten. Ein Schild rief die Frankfurter dazu auf sich anzuschließen und ein Zeichen gegen Islamismus zu setzen, damit die Kinder nicht zu Salafisten werden und nach Syrien ziehen und so. Ein anderes Schild hatte ein Problem mit Koranverteilungen und da lag wahrscheinlich dann auch der Grund für das Polizeiaufgebot. Denn 50 Meter weiter werden diese für gewöhnlich verteilt.

Heute allerdings nicht, heute ist hier Straßenmusik angesagt. Eine Drummerin um die 50 machte gerade Pause, ich hatte sie vor ein paar Wochen schon einmal spielen sehen und war schwer beeindruckt. Hinter ihr eine Litfaßsäule und dahinter beschallte nun gerade eine dieser Pan-Flötenbands das Publikum. Sie hatten eine eigene Anlage aufgebaut, aus dessen Boxen westliche elektronische Popbeats erklangen zu der die im Indianerstil gekleideten Musiker tanzten. Das prächtige bunte Gefieder, das sie zierte, dürfte dabei den die Smartphones zückenden Halbkreis mehr angezogen haben als die mit starken Hall unterlegten Panflötenmelodien, die in ihrer Gefälligkeit den Kulturcrash erst perfekt machten.

Direkt hinter den Reihen der amüsierten Einkäufer, liegen auf dem Boden ein paar frische Blumen, eine Kerze brennt. Ein kleines Bild. Darunter ein großer rötlicher Fleck auf dem Asphalt. Scheiße, davon hatte ich in der Zeitung gelesen. Vor ein paar Tagen erst stürzte sich jemand von der Dachterrasse des hier ansässigen Shoppingcenters „Zeilgalerie“ in den Tod. Ich bekomme augenblicklich ein beklemmendes Gefühl. Denke aber zuerst einmal technisch. Ich blicke nach oben, auf das Einkaufszentrum. Das sind gut dreißig Meter, und wenn er hier gelandet ist, muss er mit Anlauf gesprungen sein. In der Zeitung stand was von, kein Fremdverschulden und das die Person seine Absichten laut äußerte bevor er sprang. So berichteten es zumindest die anderen Gäste der Dachterasse. Ich blicke wieder auf die Leute um mich rum. Zwei Frauen sind zeitgleich mit mir an die Stelle herangetreten, um zu erfahren, worum es hier geht. Doch gleichzeitig gehen Hunderte von Menschen hier einfach vorbei oder kehren ihr den Rücken. Als es passierte, ließ die Polizei Sichtschutz aufbauen. Der Shoppingbetrieb ging weiter. Ein paar Blumen, eine Kerze, ein Bild und ein Fleck, sind nach ein paar Tagen das einzige was erinnert. Ich lasse mich von der Ignoranz der Masse anziehen und reiße mich nach wenigen Sekunden wieder von diesem Ort los. Auch ich will nicht erfahren, wer er war und warum er dies getan hat, ich bin viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, wie scheinbar jeder hier. Diese Gesellschaft ist krank.

Ich bin inzwischen wieder an der Hauptwache angelangt. Auf der Bühne der Piratenpartei covert eine Band Nirvana. Der Song endet und ein Mann von der Demo-Orga, wie er sich ankündigt, tritt ans Mikro. Er verkündet, dass leider die Band nun Schluss machen müsse mit spielen, da zeitgleich in der nebenan liegenden Kirche eine Probe für irgendwas stattfinden würde und die sich gestört fühlen. Man habe diskutiert aber es habe nicht geholfen. Danach tritt der Sänger der Band wieder ans Mikro und sagte etwas wie „ihr habt’s gehört, wir müssen jetzt leider aufhören, aber wenn’s euch gefallen hat, wir haben noch Aufkleber dabei.“

Ich verlasse die Einkaufsstraße und gehe wieder durch die Hochhausschluchten zurück in Richtung meiner Wohnung. Auf Höhe einer kleinen Parkanlage höre ich von weiten etwas, was nach Demo klingt. Ein Blick in Richtung des Platzes vor der Europäischen Zentralbank zeigt, da sind viele Menschen mit vielen Fahnen. Dürfte wieder eine dieser Demos, die von irgendeiner Volksgruppe organisiert ist, sein, wie sie in Frankfurt regelmäßig stattfinden. Meine Neugier ist geweckt, ich will wissen wer da für oder gegen was demonstriert und laufe in Richtung der Demo. Direkt vor der großen beleuchteten Skulptur eines Eurozeichens, das spätestens seit der Finanzkrise in jeder Nachrichtensendung, mindestens einmal eingeblendet wird, halte ich an und bin beeindruckt. Das ist ein langer Demozug. Es sind Kurden und es geht um Kobane. Viele PKK Anhänger, so deute ich die Fahnen. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ich bin nicht so wirklich in der Thematik drin. Ein paar Schilder, die die Aufhebung des PKK-Verbots fordern, bestätigen meine Vermutung. Der Demozug ist wirklich lang. Ich stehe einige Minuten an Ort und Stelle und schaue mir die Leute an, da sind alle da, alt oder jung, Frau oder Mann. Es erklingt ein hoch auf die Internationale Solidarität. Die Stimmung ist ernst, aber keinesfalls aggressiv, die Leute sind nun mal nicht zum Spaß hier und haben eine Botschaft. Um mich herum fotografieren sich weiterhin Touristen vor dem Eurozeichen. Als ob da gar keine Demo mit mehreren Tausend Menschen hinter ihnen wäre. Wie schaffen die das nur? Ich kriege einen Flyer in die Hand gedrückt und werde von anderen Passanten gefragt, wer denn da gerade demonstriert. Am Ende des Demozugs an dem fast nur Kurden teilnehmen ein paar aus der Linkspartei, welche von der MLPD empören sich mit Mikrofon und dahinter, mit etwas Abstand die örtlich Gemeinde der Alewiten. Interessant.

Während sie vorbeiziehen denke ich mir: Ich habe doch nur einen kleinen Spaziergang gemacht, ich habe kaum angehalten und trotzdem bin ich beeindruckt davon was für eine gewaltige Menge an den Problemen, die es auf der Erde gibt, mir auf diesen paar Metern, innerhalb weniger Minuten vor Augen geführt wurden. Diese Welt ist klein. Wir haben nur diese eine und gleichzeitig sind die Menschen wahre Meister darin die Dinge die um sie herum passieren einfach auszublenden und weiterhin den für sie am bequemsten Weg zu gehen. In diesem Fall den mit den gut gefüllten Einkaufstüten in der Hand.