Archiv für Januar 2014

Kurzgeschichte zwischen Dortmund und Frankfurt

Kastanienbaum und Haselnussstrauch

Er reiste schon ein paar Tage, als ihm da am Wegesrand im Gras unter einem Kastanienbaum ein alter Plüschtierhase auffiel. Er war sehr zottelig, bleich und ganz nass, denn es hatte an diesem Herbstmorgen schon geregnet. Die Luft war dementsprechend feucht und frisch. Der Reisende schaute den Plüschtierhasen an und fragte ganz für sich: „Wer hat dich denn bloß hier vergessen?“.
Da antwortete der Plüschtierhase mit mürrischer Stimme:
„Mich hat niemand vergessen! Ich bin hier weil ich hier sein will!“.
Sichtlich verdutzt durch die unerwartete Antwort brauchte der Reisende ein paar Momente um seine Gedanken in Worte zu fassen:
„Ach so dann bist du also auch ein Reisender?“
„Also wirklich! Niemals! Reisende, wie ich diese Leute nicht ausstehen kann! Tag ein, Tag aus ziehen sie vorüber. Wenn ich sie anspreche passiert immer dasselbe: entweder sie rennen weg oder sie wollen wissen warum ich sprechen kann. Die wollen mich dann immer mitnehmen auf ihre Reisen, wollen garantiert nur damit prahlen mich zu besitzen. Ich werde dann immer mürrisch. Das kann ich gut. Bis jetzt ist noch jeder ohne mich weitergezogen, weil diese jungen Weltentdecker mein mürrischsein nicht aushalten konnten. Das find’ ich gut. Ich bin gerne hier!“
Da fiel dem Reisenden auf, dass sich unter dem Plüschtierhasen ein wenig Wasser gesammelt hat. Der Boden um ihn herum war ganz matschig.
„Warum liegst du da so halb im Matsch herum, ist das nicht ungemütlich?“
„Ach das macht nichts, das ist immer so wenn es regnet. Diese Gemütlichkeit wird überbewertet.“
„Aber warum hoppelst du dann nicht ein paar Meter weiter unter den Haselnussstrauch? Da ist es doch trocken.“
„Pah!“, viel der Plüschtierhase dem Reisenden ins Wort, „Haselnussstrauch! Das ist es was ich bei den Reisenden hasse. Immer wollen sie alles verbessern. Dabei sollte man doch mit dem zufrieden sein was man hat. Ich muss gestehen ich mecker zwar hin und wieder mal gerne, aber ich bin auch gerne hier. Auch wenn mir hier und da mal eine Kastanie auf dem Kopf fällt, basta!“
Der Reisende widersprach: „Ich glaub es wäre wirklich schlauer wenn du woanders hinhoppelst. Kastanien tun ganz schön weh!“
„Nein!“ rief das Plüschtier erbost.
Da machte es bei dem Reisenden Klick im Kopf und er fragte: „kann es sein, das du gar nicht hoppeln kannst?“
Nun wurde der Plüschtierhase so richtig wütend: „wie unverschämt! Du hast wohl den Unterschied zwischen könne und wollen nicht verstanden! Wenn ich könnte würde ich dir jetzt die Ohren lang ziehen! Sowas ungezogenes…“
„Hab ich das gerade richtig gehört? „Wenn ich könnte?“ Da hab ich dich! Du kannst gar nicht hoppeln und versuchst nur dir die Situation schönzureden!“
Da schwieg der Plüschtierhase
„Hey, jetzt Rede doch mit mir! Wie bist du überhaupt dann hierher gekommen?“
Wieder schwieg der Plüschtierhase.
„Ich bleib hier jetzt hier bis du mir eine Antwort gibst“ sagte der Reisende. Er holte sich eine Thermoskanne aus seinem großem Rucksack. Setzte sich auf einen großen Stein und trank einen Schluck Tee. Die Zeit verging, es wurde Mittag und Nachmittag. Immer wieder kamen andere Reisende auf dem Weg in die nächste Stadt vorbei und grüßten den wartenden Reisenden, der sich mit dem Verzehr seines Reiseproviants die Zeit vertrieb. Äpfel, Birnen, Brote und sogar die Bonbons, die der Reisende am Tag zuvor von einer netten alten Dame zwei Ortschaften weiter geschenkt bekommen hatte, verschwanden im Bauch des Reisenden. Es wurde Abend. Der Himmel hatte sich aufgeklart und am Ende des blauen Dachs verschwand langsam die wärmende Sonne hinterm Horizont. Es lag eine angenehme Ruhe über der Landschaft und der Reisende konnte sie auch genießen. Bis sich irgendwann die vor lauter nichts tun ganz unausgelasteten Knochen meldeten und ihm wehtaten. Also fing der Wanderer an ein paar Knierbeugen zu machen und dabei laut zu zählen. Als er bei der dreiundneunzigsten Kniebeuge angekommenen war rief etwas laut:
„Stopp!“
Der Reisende drehte sich um und sah, dass es der Plüschtierhase gewesen war: „ Hör auf hier zu einen Lärm zu machen. Du störst noch meine wohlverdiente Abendruhe! Außerdem kann ich das jämmerliche Gehampel nicht mehr sehen!“
„Dann beantworte mir doch endlich meine Frage, warum du denn hier bist!“ entgegnete der Reisende.
„Wenn du dann versprichst, dass du dann auch wirklich Ruhe gibst und weiterziehst, dann ja.“
„Das verspreche ich dir, ganz bestimmt“ versprach der Reisende erfreut, „Schieß los!“

„Ich schieße nicht, Ich erzähle. Wie du heute früh schon richtig verstanden hast kann ich mich in der Tat nicht bewegen. Von daher auch nicht schießen auch wenn ich das angesichts solcher Reisender wie dir gerne könnte. Aber ich schweife ab. Also vor vielen Jahren wurde ich von einer Familie gekauft, die mich dann zum 4. Geburtstag ihrer kleinen Tochter geschenkt hat. Ein paar Jahre lang lebte ich in ihrem Zimmer. Sie hat viel mit mir gespielt und wir haben uns schön miteinander unterhalten. Es war schön dort. Doch irgendwann war sie dann so erwachsen, interessierte sich für andere Dinge und als es ihr peinlich wurde, mich und die anderen Kuscheltiere in ihrem Zimmer zu haben, verbannte sie uns auf den Dachboden. Dort war es nun leider nicht mehr ganz so schön aber immerhin schön ruhig. Man kann sich ja an alles gewöhnen. Hier wo ich jetzt bin ist es ja auch schön. Trotzdem hat es mich dann doch gefreut, als sie dann Jahre später wieder auf den Dachboden kam und behutsam nach mir Griff. Sie hatte gerade ihren Schulabschluss fertig gemacht und wollte genauso wie du heute auf Reisen gehen. Es hat sie wohl das schlechte Gewissen gepackt, das sie mich vernachlässigt hatte und sie wollte wohl auch etwas mitnehmen, was sie an ihr zuhause erinnerte. Jedenfalls kam es so dazu das ich mit auf ihre Reise kam.
Ich muss gestehen, den Beginn der Reise empfand ich damals als sehr schön. Sie trug mich auf den Schultern und ich konnte alles sehen. Wir zogen über Wiesen und Felder, entlang von kleinen klaren Bächen aus denen die jungen Fische hinaus aufs offene Meer schwammen und blickten von den Hügeln, die wir erklommen hatten auf die Landschaft hinab. Eines Tages erblickten wir dabei eine schillernde Stadt. Als wir die Stadt betraten waren wir begeistert von den prächtigen Häusern und verwunschenen Gassen. Doch am Abend fing für mich das Unheil an: Im Gasthaus traf sie eine Gruppe anderer Reisender und sie beschlossen gemeinsam weiterzuziehen.
Nun verschwand ich immer mehr im Rucksack und musste mir noch da zu hin und wieder blöde Kommentare über mich von ihren Mitreisenden anhören, wie albern das doch sei. In dem alter einen Plüschtierhasen mit auf Reisen zu haben. Sie verteidigte mich nur halbherzig und als sich die Wege zwischen den reisenden und ihr trennten, blieb ich im Rucksack. Sie sagte ich würde nur stören, weil sie andere Leute als komisch ansehen würden, wenn sie da mit Plüschtier auf dem Rücken durch die Lande zieht. Ich wurde ihr zunehmend egal und sie lernte hier und da neue Freunde kennen. Die, die ich gar nicht leiden konnte hab ich vertrieben in dem ich aus meinem Rucksack hinaus eklige Geräusche gemacht habe. Sie hat die Situationen nie aufgeklärt weil sie auch wenn der Versuch Sinnlos war um jeden Preis nicht auffallen wollte. Doch wenn wir alleine waren haben wir uns nur gestritten, es flogen böse Worte und es schwang viel Frust dabei mit. Es lag Abschied in der Luft. Irgendwann, es war ungefähr hier. Wir beschimpften uns gerade heftig, da wollte ich einfach nicht mehr. Ich bestand darauf mich zurückzulassen. Ich war satt von all diesen flüchtigen Reisebekanntschaften, die man zwar kannte aber niemanden so richtig. Letztendlich hat sich doch von diesen Leuten niemand für niemanden anders als sich selbst interessiert.
Nun hörte sie endlich einmal auf mich und ließ mich hier unter dieser Kastanie zurück. Zuerst freute ich mich. Doch ehrlich gesagt hat dieser Ort auch Nachteile und damit meine ich nicht den Regen und den Schlamm. Es sind die vielen vorbeiziehenden die hier so nerven, ja! Alle wollen sie nur irgendetwas anstatt mal zufrieden zu sein!“

Nach dieser langen Erzählung kehrte für einen Moment Ruhe ein. Der Reisende dachte darüber nach was der Plüschtierhase gesagt hatte. „ Ich glaube ich verstehe dich jetzt. Ich habe auch schon viele Freunde schon lange nicht mehr gesehen mit denen ich früher einmal ganz viel gemacht habe und die mir total wichtig waren. Manche Dinge ändern sich halt nun mal mit allem was wir tun und was wir nicht tun. Und gerade wenn wir was nicht tun ziehen die Leute auch nur an einem vorbei, aber das weißt du, der hier am Wegesrand liegt glaube ich viel besser als ich. Trotzdem erinnere ich mich gerne an diese Menschen und wünsche mir manchmal Abends vorm Schlafengehen die alten Zeiten zurück. Ich glaube das du das Mädchen mit dem du aufgewachsen bist vermisst…“
„Vermissen ist ein Großes Wort!“ unterbrach der Plüschtierhase den Reisenden. „Wie sollte ich jemanden vermissen können mit dem ich mich so viel gestritten habe! Wenn ich sie vermissen würde, dann hätte ich mich doch nicht von ihr losgestritten, purer Schwachsinn!“
„Gar kein Schwachsinn!“, entgegnete der Reisende. Manchmal braucht man etwas Abstand um zu merken was einem fehlt. Ich zum Beispiel vermisse gerade meinen Bruder mit dem ich mich früher auch nur gezankt habe! Wenn ich wieder zu Hause bin freue ich mich darauf endlich mal wieder gegen ihn Schach zu spielen, auch wenn ich immer verliere. Aber egal, ich glaub jedenfalls, das du sie vermisst und ihr euch bestimmt viel zu erzählen habt, wenn ihr euch wieder seht!“
„Ja, aber was soll dann bitteschön anders sein als früher? Ich lande doch eh wieder im Rucksack nach ein paar Wochen. Wenn nicht Schlimmeres!“
„Wenn du weiter so mürrisch bleibst, magst du vielleicht recht haben, aber Hey, es gibt auch noch andere Menschen! Die ganzen Reisenden hier, die sind zum einen nicht alle so blöd und fies wie du denkst, auch wenn du hier und da natürlich recht hast aber trotzdem haben sie eine Geschichte und die meisten ein großes Herz. Du musst nur mal danach Fragen anstatt sie immer nur zu verscheuchen!“
Der Plüschtierhase schwieg wieder und dachte nach. Er erinnerte sich an das was er im Kinderzimmer , auf dem Dachboden und hier am Wegesrand so erlebt hatte. Er sah sich um. Es ist schon ein schönes Plätzchen hier eigentlich, das Gras, die Aussicht, die vielen Tiere die keine dummen Fragen stellten… Aber dennoch spürte er auf einmal das es mal wieder Zeit war für einen Ortswechsel.
Der Reisende packte derweil seine Sachen. Stelle fest, das er beim aufessen seines Proviants sehr stark gekrümelt hatte, wusste aber nicht so recht ob er das jetzt weg machen musste oder nicht und entschied sich letztendlich dagegen. Er schnallte sich den Rucksack auf den Rücken, holte tief Luft und sagte: „Ich wandere jetzt weiter. Nachts ist es schön ruhig. Man kommt gut voran. Ich wünsche dir alles gut mein lieber Plüschtierhase!“
Er wartete kurz auf eine Antwort, doch sie kam nicht. Aber als der Reisende gerade auf dem Absatz kehrt machte um seinen weg alleine fortzusetzen hörte er hinter sich eine Stimme: „Ich komme mit.“